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Meine Löcher & mein Gott

December 26, 2016

Foto: Ronja Wolf

 

Mein Leben besteht zum größten Teil aus einem grau-bunten Alltag, einem Gemisch aus Pflicht und Kür, bei dem ich wenig Zeit habe zum Denken, Fühlen, Trauern, Feiern oder Philosophieren. Hier muss ich schnell reagieren, das Leben muss kompensiert, organisiert und gut gelebt werden – trotz aller Schwierigkeiten.

 

Erst, wenn ich zur Ruhe komme, habe ich Zeit, um das alles zu begreifen. Zeit zum tief-Denken und tief-Fühlen. Zum Bedauern und zum Feiern. Und dann habe ich meistens nur zwei Dinge, die ich sehe: entweder die Löcher – oder Gott.

 

Die Löcher – das ist alles, was fehlt. Die Unzulänglichkeiten, der Mangel, das Versagen und die Leere in meinem Leben. Das sind meine Fehler, meine Überforderung, die Menschen und Orte, die ich vermisse, meine unerfüllten Träume und unrealistischen Fantasien, das riesenhafte Leid der Welt, meine Ohnmacht, meine Einsamkeit und all der Frust, den das Leben in mir erzeugt, weil es nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Die Ungerechtigkeit, die Wut, die Verletzungen, die Langeweile, die Enttäuschungen. Das sind die Löcher – die Leere und die Wunden – in meinem Leben und in dem der anderen. In meinem Herz und in Aleppo. Das, was nicht da ist.

 

Wann immer ich in diese Löcher starre, steigt in mir Frust, Verzweiflung, Schmerz, Angst, Wut oder eine maßlose Enttäuschung auf. Ich falle in bodenlose Leere, in das Schwarze von etwas, das so sehr fehlt. Da fehlt Hilfe, da fehlt Glück, da fehlt Gerechtigkeit, da fehlt Empathie! Und manchmal versinke ich in diesen Löchern, bis ich sage: Ich will nicht mehr leben. – Wie Hiob. Was soll ich mit diesem Leben? Hier fehlt zu viel, damit es gut, damit es lebenswert wäre. Ich sehe das Schwarze. Und wenn ich es lange genug anschaue, dann sehe ich nur noch schwarz. Da ist zu viel Schmerz, zu viel Leere, zu viel Enttäuschung, zu viel Mangel.

 

Aber wenn ich die Löcher gesehen, den Schmerz einmal zugelassen und gefühlt habe – wenn der Fall am längsten gedauert hat – dann schlage ich am Boden meiner Löcher auf. Und finde mich in Gottes Hand wieder. Oder ich erinnere mich einfach wieder daran: Dass da ja Gott ist. Oder er erinnert mich daran, dass er ja da ist.

 

Irgendeine Erinnerung – oder nennen wir es den Heiligen Geist – hebt mein Kinn und meinen Blick aus der Tiefe des Lochs zum Himmel hinauf. Und wo ich vorher nur noch das Schwarz des Loches sah, sehe ich jetzt nur noch blau – oder ein Sternenmeer. Weil ich meine Blickrichtung verändert habe.

 

Und dann sehe ich, dass da ja Gott ist. Dass da ja unendliche Gnade, ewige Arme und allmächtige Liebe ist. Dass da ja Wunder, Heilung und ein Liebhaber ist. Dass es auch noch eine andere Wirklichkeit gibt, eine gute. Dass eigentlich alles gut ist. Weil da ja Gott ist. So viel Gott. So viel genug Gott. Und dann findet mein Herz Frieden. Und je länger ich darauf schaue und den Schmerz irgendwann vergesse – dann finde ich langsam aber sicher auch Glück. Gutes, tiefes, erfüllendes, Löcher-füllendes Glück. Glück, dass über den Schmerz erhebt. Und ich finde es immer, wenn ich nach oben schaue und mich an all das erinnere. Ich finde Frieden. Immer. Egal, wie viele Löcher da sind, wo sie sind und wie tief sie sind. Da ist immer, immer, immer auch Gott. Genug Gott, um alle Löcher zu füllen.

 

Ich glaube, es gibt eine Zeit, die Löcher in unserem Leben und in dieser Welt zu sehen und wahrzunehmen. Wenn da Wunden sind, dann müssen sie auch gesehen und gefühlt werden. Diese Welt ist voller Schmerz, Leid, Last, Lügen und Enttäuschungen. Wir voller Wunden. Unser Leben ist voller Scherben, die wir selbst oder andere darin verursacht haben. Schmerz zu ignorieren wäre dumm. Genauso wie körperliche Verletzungen Aufmerksamkeit und Behandlung brauchen – je nach ihrer Größe – so brauchen es auch innere Wunden. Und die Sünde in dieser Welt verwundet uns und andere – täglich. Aber wir müssen das zu Gott, dem Heiler und Erlöser bringen.

 

Wir dürfen nicht beim Betrachten unseres Schmerzes stehenbleiben,

sondern beim Betrachten unseres Gottes.

Da müssen wir hingelangen.

Und da stehenbleiben.

 

Unser Schmerz, unsere Leere, unsere Löcher, unser Mangel sollte uns immer zu ihm führen. Dahin, dass wir unseren Blick wieder zu ihm wenden. Dann wird alles gut. Dann wird unser Herz gut. Weil er gut ist. Gut genug, wenn alles andere nicht gut genug ist. Wir müssen das nur wieder sehen.

 

Gott nimmt nicht das Leid, aber er schenkt Frieden. Wenn wir auf ihn schauen, sehen wir unser Heil, unsere Rettung, unsere Erfüllung, unser Glück. Dann wird unser Herz hell, weil wir in das Licht schauen. Wenn ich ihn sehe, dann kommt meine innere Welt wieder in Ordnung. Nicht, weil er die Umstände ändert. Sondern weil ich mich erinnere:

 

Dass er mehr Frieden gibt,

als der Schmerz nehmen kann.

 

Dass er mehr Hoffnung gibt,

als die Welt enttäuschen kann.

 

Dass ich in ihm mehr habe,

als ich hier verlieren kann.

 

Dass er besser ist,

als diese Welt schlecht sein kann.

 

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