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Vergebung bedeutet Abschied

February 22, 2017

 Foto: Ronja Wolf

 

Wir alle wurden für eine perfekte Welt geschaffen. Das ist die logischste Geschichte, die die Bibel erzählten könnte, denn sie passt so unfassbar perfekt mit unseren menschlichen Erfahrungen zusammen. Denn wann immer irgendwo etwas nicht perfekt ist, leiden wir. Wir schaffen es nicht, Leid und die Unvollkommenheit der Menschen um uns herum einfach so hinzunehmen. Die Geschichte dahinter lautet: Wir wurden für ein Paradies geschaffen. Deshalb können wir uns nicht von den wunderschönen Träumen in unserem Herzen trennen, sie sind Teil unserer DNA. Es sollte alles nicht so sein, es sollte alles so viel besser sein! Wir sehnen uns nach paradiesischen Zuständen und diese Sehnsucht ist richtig. Sie erzählt uns von dem Leben, für das wir geschaffen wurden und führt uns so wieder zurück zu Gott. Aber diese Märchenfantasien machen uns unser Leben in einer kaputten Welt sehr schwer. Sie machen uns manchmal geradezu verrückt. Sie sind unsere unerfüllte Sehnsucht, unser Weltschmerz.

 

Ich möchte Freunde haben, die mich verstehen, sich für mich interessieren und Zeit für mich haben. Ich möchte Eltern haben, die zu mir halten, mir Mut machen, mir Halt geben, mich wieder aufbauen und an mich glauben. Ich möchte einen Partner haben, der Rücksicht auf mich nimmt, mich umwirbt und mit mir fühlt. Aber irgendwann – ständig eigentlich – werden wir damit konfrontiert, dass es nicht so ist. Das Gegenteil passiert. Die Realität ist anders als unser Traum. Und es schmerzt. Wir werden schwer enttäuscht. Wir haben das Gefühl, als würde etwas in uns sterben. Und das tut es tatsächlich. Es stirbt unsere Illusion, dass die Menschen um uns herum heile wären; grenzenlos, stark, gut und vollkommen. Sie sind es nicht. Und dann werden wir meistens wütend. Wir fühlen uns um unser Glück betrogen, verletzt. Weil andere so unvollkommen sind, dass wir es kaum ertragen können. Aber erst hier, hier wo wir den anderen sehen, wie er wirklich ist – mit all seinem Kaputt – beginnt Liebe. Denn wir lieben den anderen erst dann, wenn wir ihn lieben, wie er wirklich ist. Meist lieben wir nur den Traum von der Person, die er sein könnte – die er in unseren Augen sein sollte. Aber damit hängen wir einer Fantasie an, wir lieben jemanden, der gar nicht existiert. Brené Brown lehrte mich die Wahrheit von Vergebung: „Wir hören auf, Menschen als die zu lieben, die sie sein könnten, und beginnen, sie als die zu lieben, die sie sind.“*

 

Denn um in dieser Welt zu lieben, brauchen wir Vergebung unbedingt. Vergebung ist die Brücke zwischen unseren Träumen und der Realität. Sie verhindert, dass wir in die breite Kluft zwischen beidem stürzen und in unserem Schmerz verzweifeln und vor der kaputten Realität fliehen. Sie hilft uns mit der Realität zu leben, wie sie ist – nicht, wie sie sein könnte. Aber diese Brücke besteht aus dem Holz der Trauer. Vergebung ist Trauer. Sie ist kein Wimpernschlag, sondern ein Trauerprozess, ein schmerzhaftes und bewusstes Loslassen eines Traums. Vergebung heißt, unsere Träume und Erwartungen von einer perfekten Welt, von heilen Menschen und schmerzfreien Beziehungen zu begraben. In dieser Welt gibt es das nicht. Wir sind alle kaputt. Und das ist sehr traurig und sehr schmerzhaft. Es ist der Abschied von einem Traum. Vergebung bedeutet freiwillig durch Schmerz zu gehen – um den anderen Menschen nicht zu verlieren. Den Menschen, der er wirklich ist – kaputter, als wir es ertragen können.

 

Brené Brown erzählt von sich: „Ich musste meine idealisierte Version von meinen Eltern begraben und sie stattdessen als Menschen mit Problemen und Begrenzungen sehen, die ihre eigenen schwierigen Geschichten und ihr eigenes tiefes Leid hatten.“ Und sie zitiert Joe Reynold, einen befreundeten episkopalen Priester: „Damit Vergebung stattfinden kann, muss etwas sterben. Wenn ihr euch entscheidet zu vergeben, müsst ihr euch dem Schmerz stellen. Ihr müsst schlicht leiden. (…) Was auch immer es sei, wir müssen uns davon verabschieden. Wir dürfen es nicht verpacken und beiseitelegen. Es muss sterben. Es muss betrauert werden. Das ist in der Tat ein hoher Preis.“

 

„Und vielleicht ist Trauer die Emotion, vor dir wir uns am meisten fürchten.“, resümiert Brené Brown ihre Forschungsergebnisse. „Vergebung ist deshalb so schwierig, weil sie Tod (Abschied) und Trauer impliziert.“

 

Aber wir trauern nicht wie die, die keine Hoffnung haben (1.Thessalonicher 4,13). Dass diese Welt hier kaputt ist, ist in der Tat ein Verlust, der betrauert werden darf, muss und sollte. Dass wir keine schöne Kindheit hatten… Dass unser Partner versagt uns so zu lieben, wie wir es brauchen… Dass unsere Freunde uns nicht helfen können… Und dass wir sie nicht trotzdem lieben können... Aber zu wissen, dass Gott auch aus den größten Scherben etwas Gutes machen wird, wenn wir sie ihm geben, das ist unsere Hoffnung. Am Ende wird alles gut. Das ist sein Versprechen. Dann können wir gut das Kaputt dieser Welt, die Unvollkommenheit der Menschen um uns herum und unsere zerstörten Träume in diesem Leben annehmen. Denn wir wissen: Es kommt ein anderes Leben, eine andere Welt. Es wird alles wieder gut. Alles. Es ist nichts verloren. Wir haben einen großen Retter-Gott.

 

* alle Zitate aus „Brene Brown: Laufen lernt man nur durch Hinfallen. Wie wir zu echter innerer Stärke finden. Kailash: 2016“

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