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Jesus im Speisesaal

March 21, 2017

Es ist fast Mitternacht. Ich betrete den Speisesaal, um das Licht zu löschen. Vor vier Stunden haben hier dreißig junge Männer ihr kleines Festmahl veranstaltet und ich stelle fest, dass keiner aufgeräumt hat. Scheinbar hat keiner der Küchendienste an sein Amt gedacht und kein Betreuer kontrolliert. Ich seufze und mache mich an die Arbeit. Fett- und Joghurtflecken sind auf den Tischdecken verteilt, die gefühlt monatelang nicht mehr richtig geputzt wurden. Auf dem Boden liegen Essensreste. Benutztes Geschirr steht noch auf den Plätzen, das übrige Essen liegt in den Schüsseln und darum verteilt. Die Farbe des Linoleumbodens kann ich vor lauter Sand und Teeflecken kaum erkennen. Einer der eigentlich schon erwachsenen Jungs kommt wortlos herein, nimmt sich etwas zu Essen, beobachtet mich kurz, wie ich putze und geht wieder. Er ist heute wütend auf die Betreuer, sehr wütend, das weiß ich. Wie immer, wenn das Leben nicht so läuft, wie es soll. Dann sind die Betreuer Schuld.

 

Ich bin bitter. „Siehst du nicht, dass ich putze? Magst du mir nicht vielleicht helfen?“ Aber er sieht ja. Und will scheinbar nicht helfen. „Das ist Frauenarbeit.“, denkt er sich vielleicht. Tatsächlich denkt er sich vielleicht auch gar nichts. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

 

„Wurdest du nicht als Helferin für den Mann geschaffen?“, sagt mir etwas und ich werde sofort wütend auf Gott. „Ach ja, und heißt das, dass ich die Drecksarbeit machen muss? Wer sieht, was ich tue? Wer dankt mir das?“

„Ich sehe es.“, antwortet eine leise Stimme.

„Und wer sagt danke? Keiner von ihnen wird überhaupt merken, was ich hier alles für sie getan habe. Sie hören Musik oder liegen in ihren Betten und schlafen.“

„Danke.“

„Was?“

„Ich sage dir danke. … Für wen tust du das hier?“

„Für dreißig Jungs, die nicht einmal da sind und die ihre Pflicht nicht erfüllen.“

„Tu es für mich.“, flüstert die leiste Stimme weiter, „Mach es wie ich.“

Ich erinnere mich an einen Bibelvers, den ich vor langer Zeit auswendig gelernt habe. Ich erinnere mich nur dunkel, aber ich kenne den Inhalt:

„Arbeitet so bereitwillig, als würdet ihr Gott dienen und nicht Menschen. Denkt daran, dass der Herr jeden von uns für das Gute belohnen wird, das wir tun, ob wir nun Sklaven sind oder frei.“ (Epheser 6, 7-8) „Tu es zu seiner Ehre. Tu es für ihn. Es sind doch seine Kinder.“, sagt etwas in mir.

 

Und ich sehe einen anderen Speisesaal vor meinen inneren Augen. Ich sehe zwölf junge Männer mit schmutzigen Füßen und hungrigen Mägen. Vielleicht lachen sie auch so laut wie meine Jungs hier und ihnen läuft das Wasser im Mund zusammen. Aber dann wird es auf einmal ganz still. Als es um die Drecksarbeit geht. Keiner will sie machen. Das ist Sklavenarbeit. Sie dachten nicht anders als meine Jungs. Sie alle waren sich zu fein dafür.

 

Und ich sehe einen Mann. Stumm legt er sich ein Handtuch über den Arm, nimmt wie selbstverständlich eine Schüssel, füllt sie mit Wasser und fängt an ihnen allen ihre Füße zu waschen. Allen. Keiner hat ihn darum gebeten. Keiner sagt danke. Keiner findet das vorbildlich, lobenswert oder tugendhaft. „Das ist erniedrigend, was du da tust.“, dachten sie wahrscheinlich und schauten absichtlich weg. Und dann sahen sie alle zu, aber keiner fasste mit an. Gibt es etwas Bittereres als Menschen, die mir untätig dabei zusehen, wie ich *ihren* Dreck wegräume? Muss ich etwas sagen? Meine Tat spricht doch Bände.

 

Ja, diese Tat spricht Bände. Diese Tat ist eine Revolution. Sie sprengt Kulturen, greift unsere Normalität in ihrem Herzen an und verletzt unsere stolze Denkweise an ihrem empfindlichsten Punkt. Weil es Gott ist, der hier den Dreck wegräumt. Ohne, dass jemand hilft. Alle sehen zu, niemand eilt zur Hilfe. Und wir feiern diesen einen Moment von wenigen Minuten seit zwei Jahrtausenden. Das hier ist das Zentrum meiner Religion! Wir nennen es Liebe. Die Fußwaschung. Was ist das für einen Religion? Die Religion bei der einer des anderen Dreck ohne Bitterkeit aus Liebe einfach wegmacht, ohne zu klagen. Bei der der Höchste sich freiwillig, wortlos erniedrigt. Obwohl keiner danke sagt und es nicht seine Pflicht wäre. Und obwohl es unangenehm ist.

 

Ich stütze mich auf meinen Besen. Der Geruch von gebratenem Fett und Pfefferminze hängt noch in der Luft. Ich schaue zu Boden. Nachdenklich. Ein bisschen beschämt. Ich schiebe mit meinem Fuß den Dreck beiseite.

 

„Ich habe deinen Dreck weggemacht.“, antwortet wieder die leise Stimme.

Ich sage nichts. Ich konnte ihm dabei auch gar nicht helfen. Aber danke habe ich heute dafür auch noch nicht gesagt. Wann überhaupt habe ich ihm dafür das letzte Mal danke gesagt? Für das Kreuz? Was überhaupt habe ich heute wieder an Dreck angerichtet? Mir ist nicht einmal bewusst, was ich alles wieder versaut habe und er für mich geradegebogen hat. Und wer sagt dir danke, Gott? Stille hängt in dem großen Raum, über den verstreut stehenden Stühlen, draußen die dunkle Nacht vor den Fenstern.

 

„Es war auch Nacht, damals, als du ihnen die Füße gewaschen hast.“, muss ich denken. „Und keiner hat danke gesagt. Alle haben nur zugeschaut, wie du ihren Dreck wegmachst.“ Ich könnte fast weinen. Wie ist diese Welt so hässlich.

„Nein, sie ist nicht nur hässlich.“ Da ist wieder diese Stimme.

„Das hier ist schön. Das, was du tust, ist schön. Du machst diese Welt gerade schön.“

„Ich? Wirklich?“

„Ja, du machst ihnen gerade ein Geschenk.“

„Ja, ich bezahle für sie den Preis eines dreckigen Geschirrs. Der Preis ist ziemlich viel Arbeit. Unangenehme, erniedrigende Arbeit. Und ich erlasse ihn ihnen. Sie liegen in ihren Betten, sie wären gar nicht bereit, es zu tun. Sie verdienen das nicht. Sie wissen das nicht mal zu schätzen! Sie würden vielleicht nicht einmal danke sagen, wenn sie mich sehen würden!“ Die Wut steigt wieder in mir hoch.

„Nein, du verdienst das nicht.“

„Ich? Was verdiene ich nicht?“

„Keiner verdient das. Es ist ein Geschenk, Ronja. Ein Geschenk kann man nicht verdienen.“

 

Ich kapituliere. Ich gebe es auf, die Diskussion. Gott hat gewonnen.

Als Helfer wurde ich geschaffen. Als Gottes Helfer für so viel undankbare Männer. Wer hätte gedacht, dass ich in dieser hässlichen Situation Jesus so nah sein kann? Und dass es mich so wütend macht, einfach nur das zu tun, was er getan hat? Zu vergeben und Drecksarbeit zu machen. Aus Liebe. Aber das ist meine Wahl. Aus Pflicht oder aus Liebe? Ich wähle Liebe. Das ist meine Religion. Dafür schlägt mein Herz, eigentlich. Manchmal. In der Tiefe.

 

Aber es fällt mir schwer. Denn eigentlich halte ich mich zu gut dafür. Für zu gut für Drecksarbeit. Ich will nicht so viel schenken. Ich habe nicht so viel Gnade. Ich will, dass sie selber bezahlen, ihren Dreck selbst wegräumen. *Ich* will beschenkt werden! Aber Jesus bezahlt einfach. Er macht den Dreck einfach weg. Ohne ein Wort, ohne einen Dank, mit noch viel mehr stummen Zuschauern als ich. Mit schreienden Zuschauern: „Kreuzigt ihn!“ Ihn, der euch gerade eure dreckigen Füße gewaschen hat, weil kein Sklave da war, der es für euch machen konnte. Weil überhaupt niemand eure Schuld, euren Dreck wegräumen konnte! Und ich bin mir auch zu gut für diese Drecksarbeit. Schande über mich.

 

Ich sehe draußen vor dem Fenster am Waldrand das Feuer lodern, an dem der große Junge jetzt sitzt, der sich gerade etwas zu Essen geholt hat. Eigentlich mag ich ihn. Und es tut weh, aber ich gebe es zu: „Weißt du, ich bin auch nicht besser.“, sage ich zu ihm, auch wenn er es nicht hören kann. „Und das hier ist mein Geschenk an dich.“ Ich lächele. „Und für euch alle anderen auch.“ Keiner sieht, keiner weiß, was ich hier tue. Kein Mensch, jedenfalls. Vielleicht ist das auch besser so, als wenn sie alle nur stumm und tatenlos zuschauen würden, während ihre abfälligen Gedanken mir den Schmerz noch größer machen würden. Den Schmerz, wie Jesus zu sein. Unverdient unverschämten Menschen Geschenke zu machen. Die Hässlichkeit dieser Welt mit Gutem anzugreifen. Kill `em with kindness. Das hat Jesus gemacht.

 

„Ihr seid das Licht dieser Welt. Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen!“, höre ich Jesus sagen. Und ich bin in Kampfesstimmung. „Ich werde euch besiegen.“, denke ich. „Ich werde eure Undankbarkeit und euren Stolz besiegen, indem ich euren Dreck wegräume. Ich werde die Bitterkeit und Gnadenlosigkeit in mir beisegen! Ich werde das Hässliche mit Gutem besiegen. Ich werde mich dem Bösen nicht beugen. Ich bin bereit den Preis für euer unverdientes Geschenk zu bezahlen. Ich will nicht so sein wie ihr. Tut ihr, was ihr wollt. Aber nur, weil ihr stolz seid, will ich nicht auch stolz sein und wütend werden. Nur, weil ihr nicht hilfsbereit seid, will ich nicht auf mein Recht beharren und bitter werden. Und nur, weil ihr es nicht verdient habt, will ich nicht aufhören, euch einfach weiter zu lieben.“ Ich spüre Freude. Frieden.

 

Ich stelle den Besen in die Ecke, schalte das Licht aus und trete in die kalte Nachtluft. Ich sehe den Jungen dort drüben am Feuer immer noch sitzen und denke mir: Weißt du, wie ich dich mag? Ich habe dir gerade ein Geschenk gemacht. Du weißt es nicht zu schätzen, aber ein anderer hat es gesehen. Er hat gesehen, wie ich das Böse mit Gutem überwunden habe und er wird mich dafür belohnen. Es war mein Geschenk an *ihn*.

 

„Nein.“, denke ich, „Eigentlich war es ein Geschenk an mich.“ Denn mehr als allen anderen geht es *mir* jetzt gut. Ich habe Frieden gefunden in dieser hässlichen Welt. Ich habe die Dunkelheit in meinem Herzen besiegt. Es lohnt sich für mich. Ich bin schon belohnt. Denn ich habe Frieden und ein Licht im Herzen. Ich habe ein wertvolles Geschenk gebastelt, das ich in meinem Herzen trage, und ich bin gerade Gott begegnet – neben den fettigen Essensresten im Speisesaal. Ich war ihm ganz nah. Er hat mich daran erinnert, wie sehr er mich liebt. Und das ist alles, was zählt. Er hat mir sein Geschenk gezeigt. „Danke, Gott.“, sage ich. „Danke.“ Und ich drehe den Schlüssel im Schloss und lasse den Speisesaal hinter mir. Sauber. Und in Frieden.

 

 

Ich bin beschämt. Denn in Wirklichkeit war alles anders. In Wirklichkeit ist das alles nie so passiert – das Gute in der Geschichte. In Wirklichkeit hat die Bitterkeit gesiegt. Deshalb konnte ich diese Geschichte bis heute irgendwie nicht loslassen, diesen Groll auf die Undankbarkeit und Unverschämtheit mich die Drecksarbeit lassen zu machen. Aber heute Morgen hat Jesus mir gezeigt, wie das hätte sein können, wenn ich ihn in diese Situation mit hineingenommen hätte. Er hat mich eine neue, bessere Geschichte erzählen lassen. Und so kann ich Frieden habe. Heute hat Gott für mich diese Situation nach einem Jahr von ihrem Fluch erlöst – von der Erniedrigung, von ihrem schlechten Ende. Nur durch meine neuen Gedanken über sie. Wir können die Vergangenheit nicht ändern – aber wir können entscheiden, wie wir über sie denken.

 

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