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Frieden.

March 23, 2017

Foto: Ronja Wolf

 

„Was willst du?“, fragt sie mich. „Ich will einfach nur glücklich sein.“, antworte ich. „Ich will ein gutes Leben haben, ja, einfach glücklich sein.“ Ist das denn zu viel verlangt? Ich schweige verunsichert. Denn sie neigt ihren Kopf zur Seite und sieht mich mitleidig und vielsagend an. Es folgt eine Pause, bis sie mir antwortet, fast traurig: „Du kannst nicht glücklich sein. Es gibt hier kein glückliches Leben. Glück ist kein Dauerzustand. Du kannst ein zufriedenes Leben haben.“ Es fühlt sich an, als hätte ich es geahnt, als hätte ich es kommen sehen. Da ist es wieder, das mir inzwischen so vertraute Gefühl der Enttäuschung. Das Leben hat nicht das, was ich will. „Du kannst nicht glücklich sein. Such gar nicht erst danach.“, sagt mein verbittertes Herz, „Hier gibt es nicht das, was du willst. Falsche Adresse, `tschuldigung.“ Ich soll mich also damit abfinden, nur zufrieden zu sein? Aber das reicht mir nicht! Ich will mehr! Ich will Leben! In Fülle! Ja, ich will das Paradies. „Warte, Ronja.“, sagt mir die leise Stimme in meinem Herzen, „Das kommt.“

 

Was ist Glück?

 

Nachdem der erste Schmerz nachlässt, werde ich rationaler. Ich verstehe. Die Glücksforschung hat herausgefunden, was wir alle längst hätten wissen können: Glück ist ein Moment. Kein Dauerzustand. Glück ist das Gefühl, das wir an den Höhepunkten unseres Lebens empfinden. Aber dieses Gefühl kann nicht unsere Lebensgrundlage sein. Denn das Leben besteht nicht nur aus Höhenflügen, nicht nur aus Tanzen, nicht nur aus Adrenalinkicks und Sonnenuntergängen. Das geht gar nicht immer – glücklich sein, sich glücklich fühlen. Dann müsste ja wirklich alles gut sein, dann wäre hier das Paradies. Aber das ist es nicht in dieser Welt und ich weiß, dass es das nie sein wird. Da ist verschüttete Milch, Kriegsnachrichten aus Syrien, eine Krebsdiagnose, die Kollegin meiner Mutter, die zusammenbricht, Stau auf der Autobahn, ein verpasster Termin. Und ich soll mich dabei glücklich fühlen? Das wäre doch völlig unpassend. Das wäre pervers. Zufrieden ist für mich irgendwie auch das falsche Wort. So vieles ist nicht einmal erträglich, geschweige denn gut. Aber Frieden… So einen trotzdem-Frieden…? Ja, Frieden, das geht vielleicht?, frage ich mich. Vielleicht ist das wirklich das Beste auf dieser Welt? Ist Frieden vielleicht tatsächlich wahres Glück – echtes, angemessenes Glücklichsein? Das dauerhafte Glücksgefühl?

 

Und ich denke an Jesus. Jesus war nicht immer glücklich. Ganz sicher nicht. „Ein Mann der Schmerzen, mit Leiden vertraut.“, wird er genannt (Jesaja 53,3). Wem haben die Scherben in dieser Welt jemals mehr wehgetan, als dem, der alles geschaffen und bis in den Tod geliebt hat? Jesus hat den Schmerz gefühlt, ihn nicht verdrängt oder weggetanzt. Und sein Schmerz musste noch viel größer sein als meiner. Aber ich denke an Jesus im Sturm (Lukas 8,23). Der Sturm tobt und Jesus schläft. Mitten in der Katastrophe. Jesus hatte Frieden. Immer? Ich weiß es nicht, ich glaube nicht. Er war wütend, als er die Händler aus dem Tempel gejagt hat. Er war wütend auf die Pharisäer. Schlangenbrut, getünchte Gräber nannte er sie. Und Jesus hat geweint. Nein, Jesus war nicht immer glücklich. Und nicht immer hatte er Frieden bei so viel Unfrieden zwischen uns und ihm. Unser Gott hat ein gebrochenes Herz. Am Ende ist da immer diese unverständliche, überirdische, göttliche Ruhe. Nach Gethsemane, nach dem Weinen, aber im Angesicht des Kreuzes.

 

Was ist Frieden?

 

Wikipedia definiert Frieden als einen „heilsamen Zustand der Ruhe oder Stille“ und als „Abwesenheit von Beunruhigung“. Selbst wenn ich tanze, habe ich also eigentlich keinen Frieden, ohne dass das schlecht ist. Frieden ist vielleicht auch kein Dauerzustand? Sondern Frieden ist wie die Mitte meines Pendels, zu der ich immer wieder zurückkehre, wo ich immer wieder vorbeikomme und schließlich Ruhe finde zwischen den Extremen des Feierns und Trauerns. Und so lerne ich: Frieden ist das, wohin wir zurückkehren – nach dem Weinen, nach dem Tanzen, nach dem Fragen, nach der Wut. Er ist unser Zuhause, der sichere Ort, unsere Homebase, wo wir uns für das Leben wieder stark machen und neue Kraft schöpften. Es ist die Stille, die uns Kraft gibt. Nicht irgendeine Stille, nicht die Stille dieser Welt – das ist eine gähnende gleichgültige Leere oder schreiende Löcher der Verzweiflung. Nein, sondern eine prall mit Gott gefüllte Stille. Stille so schwer, so schön und so kostbar wie Gold. Das ist Frieden. Der Frieden, den diese Welt nicht kennt.

 

„Ich lasse euch ein Geschenk zurück - meinen Frieden. Und der Friede, den ich schenke, ist nicht wie der Friede, den die Welt gibt. Deshalb sorgt euch nicht und habt keine Angst.“ (Johannes 14,27)

 

Keine Angst vor Leere. Keine Angst vor Wut. Keine Angst vor Trauer. Keine Angst vor dem Ende der Feier. Friede ist das gute Normal der Menschen, die sich in Gottes Hand geborgen wissen. Das Leben ist immer ein Prozess. Da ist Zeit zum Klagen, Kämpfen, Angreifen und Singen. Aber danach ist immer wieder Zeit zur Ruhe zu kommen, aufzutanken, zu heilen, sich zu erinnern. Am Ende der Woche ist Sabbat – Ruhe als Zeichen der Gottesanbeter. Ich lerne: Sabbat ist eine Lebenshaltung. Wohl dem, der diese Ruhe hat, diesen Ort, an den er immer wieder zurückkehren kann. Diesen Gott. Und ich glaube, ich habe das Glücksgeheimnis gefunden. Glücklich ist der Mensch, der diesen Gott des Friedens hat und sich immer dahin flüchten kann, wenn die Verzweiflung an die Tür klopft und die Musik der Feier verklingt. Verzweifelt oder innerlich leer – das ist es, was es bei Gott nicht gibt, was Jesus nicht war, wovor er uns retten will und wovor wir in Wirklichkeit doch immer fliehen und was uns doch immer wieder einholt.

 

Trotzdem-Frieden

 

Und ich lerne: Wenn wir keinen Frieden haben, dann werden unsere Höhenflüge zu einem *Muss* und unsere Trauer zu etwas, wovor wir fliehen. Ohne Frieden darf das Tanzen nicht aufhören, kann die Wut sich nicht legen und darf das Weinen nicht sein. Denn die Normalität scheint uns zu unerträglich, weil sie so langweilig, oft so bedeutungslos und so grau ist. Und die Katastrophen scheinen uns zu schlimm, zu hoffnungslos, zu tragisch, als dass wir sie ertragen könnten. Aber wer Frieden hat, der kann das wahre Leben – das normale gemischte Leben – gut ertragen. Er kann gut damit leben. Mit allem. Mit Gott.

 

Mein Leben besteht zu einem großen Teil aus ziemlich viel Normalität: Warteschlagen, Regentage, Reis kochen, Wohnungsputz, Bügeln, E-Mails beantworten. Wenn wir keinen Frieden haben, dann versuchen wir davor zu fliehen, dann suchen wir ständig den Höhenflug. Wir werden Höhepunkt-süchtig. Immer verliebt sein, immer lachen müssen, alles muss sich gut anfühlen. Und wenn ihn unser Alltag nicht hergibt, dann gibt es Alkohol und andere Drogen, dann gehen wir neue Kleider und Schuhe kaufen, suchen Adrenalinkicks in Extremsporten, reisen von einem exotischen Land in das nächste und suchen neue Liebesaffären. Hauptsache Hochgefühle! Denn wenn die Stille nach dem Höhenflug tote Leere bedeutet – und das tut sie ohne Gott – dann ist sie unerträglich und wir müssen vor ihr fliehen. Die Realität dieser Welt können wir ohne Frieden nicht ertragen. Wir müssen sie irgendwie wegmachen.

 

Und ich lerne noch etwas: Wenn ich keinen Frieden habe, dann kann ich auch die Trauer nicht zulassen. Denn die Tragik dieser Welt und der große Ausmaß von Verlust, Scheitern und Enttäuschung sind tatsächlich unerträglich für mich ohne Gott. Es ist einfach definitiv zu viel – für mich jedenfalls. Ich habe lange in einer Blase der privilegierten beschützen Glückseligkeit einer christlich-westlichen Familie gelebt. Und vielleicht habe ich wenig nachgefragt, viel weggesehen, wenig gefühlt bei all der Tragik, die mir nur durch die Nachrichten allein jeden Tag begegnet. Jetzt bin ich Sozialarbeiterin und ich habe das Leid der Welt gesehen, gefühlt. Aber wenn ich mein Herz für diese Welt öffne, dann ist ihr kaputter Zustand, das Chaos, das hier herrscht, für mich unerträglich. – Ohne diesen trotzdem-Frieden.

 

Frieden hilft uns also gut damit leben zu können, dass das Leben nicht aus einer einzigen großen Feier besteht und dass es gleichzeitig tragische Verluste und tatsächliche Katastrophen beinhaltet. Frieden hilft uns an den großen Schicksalsschlägen und der Leere dieser Welt nicht zu verzweifeln. Denn es ist viel Grund zu verzweifeln. Aber Frieden hilft uns das Leben gut so nehmen zu können, wie es ist. Und ist das nicht tatsächlich alles, was wir brauchen, um gut leben zu können?

 

Ich habe in meiner Arbeit mit Kindern gelernt, dass gutes Miteinander daraus besteht: Die Erfolgsmomente mit den Kindern zu feiern und ihren Schmerz mit ihnen zu bedauern (oder zu betrauern). Man nennt dieses Verhalten auch Spiegeln. Es zeigt dem Kind, dass sein Erleben für mich wichtig ist und dass wir miteinander verbunden sind. Und Verbundenheit, das Gefühl dazuzugehören, unsere Erfahrungen miteinander zu teilen, ist tatsächlich das größte unserer menschlichen Bedürfnisse. Es ist Liebe. Frieden überhaupt macht mich erst fähig dazu: gut mit dem Echt dieser Welt leben zu können. Und genau das hat Jesus auch gemacht: das Gute gefeiert, das Schlechte betrauert, das Böse bekämpft und trotz allem Frieden gehabt. Nein, ich formuliere es so: immer wieder Frieden gefunden. Denn wir verlieren ihn ja ständig wieder.

 

Aber ich lerne, dass Weinen die richtige Reaktion auf Schmerz ist.

Aber wenn das Weinen nicht am Ende Ruhe findet, wird es zur Verzweiflung.

Frieden ist unser Schutz vor Verzweiflung.

 

Ich lerne, dass Wut die richtige Reaktion auf Unrecht ist.

Aber wenn die Wut nicht am Ende Ruhe findet, wird sie zur Bitterkeit oder unkontrollierter Gewalt.

Frieden ist unser Schutz vor Bitterkeit und unkontrollierter Gewalt.

 

Und ich lerne, dass Feiern die richtige Reaktion auf Glücksmomente ist.

Aber wenn das Feiern nicht am Ende wieder Ruhe findet, wird es zur Vergnügungssucht, zum Jagdzwang nach Höhepunkten.

Frieden ist unser Schutz vor Vergnügungssucht und einem Jagdzwang nach Höhepunkten.

 

Frieden macht uns so zu besseren Menschen. Und ich lerne, dass wer Gott hat, Frieden haben kann: am Ende. Nach dem Weinen. Nach der Wut. Nach dem Feiern. Am Ende des Tages. Süßen, tiefen Frieden. Das ist tiefer, wertvoller, wiegt schwerer, als ein lautes Lachen. Das ist noch besser. Wir können hier nicht immer lachen und weinen nicht immer verhindern, aber immer können wir Frieden haben. Einen trotzdem-Frieden.

 

Frieden heißt: Gott ist gut und ich bin sein Kind

 

Und vielleicht ist Frieden sogar eine Art von Freude? Die Freude, nicht allein zu sein. Die Freude auf eine Zukunft? Die leise Melodie der festen Gewissheit, nicht im Stich gelassen zu werden? Haben wir als Christen nicht auch immer Grund uns zu freuen? Aber muss sich diese Freude immer in einem Lachen ausdrücken? Vielleicht kann Freude auch ganz still sein. Und vielleicht nennt man diese stille Freude im Angesicht von Trümmern und Bombenkratern dann Frieden. Ist alles gut? Ist gar nichts gut? Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge. Mit beidem gut leben zu können heißt in Frieden leben zu können. Gott ist da – in der Freude und im Leid. Das zu glauben genügt. Um ein gutes Leben zu haben. Das beste jedenfalls, das hier möglich ist. Und das wirklich gute Leben wird kommen. Es ist alles gut, sagt die Hoffnung. Ich erinnere mich: Hoffnung heißt die Musik der Zukunft zu hören und in der Gegenwart schon danach zu tanzen. Es wird alles gut werden. Denn der Allmächtige und der Gute ist ja da. Und er hat versprochen uns nicht zu verlassen. Am Ende wird alles gut sein. Und vielleicht ist das die beste Einstellung, mit der wir leben können. Vielleicht ist dieser Friede tatsächlich ein Glück? Vielleicht heißt Frieden haben in einer zerstörten Welt tatsächlich glücklich zu sein? Gott würde uns nicht aus dieser Welt erlösen wollen, wenn sich unser Glück hier nicht noch steigern ließe.

 

***

 

Und du fragst mich am Telefon wie es mir geht? Geht es mir gut? Ich habe heute geweint, das war richtig, denn ich habe Schmerz gefühlt. Ich habe heute gelacht, das war richtig, denn da war auch so viel Schönes. Ich war so wütend, es ist so viel so böse. Und jetzt ist alles still, grau, normal. Aber ich bin bei Gott, ich habe Frieden. Mit all dem. Ja, ich glaube, es geht mir gut – trotz allen Schmerzen, dem Leer und dem Bösen dieser Welt. Es geht mir gut den Umständen entsprechend. Anders gut, als die Welt es vielleicht definieren würde. Aber besser, als die Welt es kennt. Mein Gemütszustand? Zwischendrin und am Ende immer: Frieden.

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