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So schwer und so leicht

April 3, 2017

Foto: Ronja Wolf

 

Wir sitzen der alten Frau in ihrem Esszimmer gegenüber. Sie serviert uns ihren selbstgebackenen Streuselkuchen mit Sahne. In blumenverzierten Tassen dampft heißer Kräutertee. Eigentlich hören wir ihr nur zu, während sie erzählt. Wem sonst kann sie all das erzählen, was ihr durch den Kopf geht?, frage ich mich. An den Wänden hängen schwarz-weiß Fotos aus dem letzten Jahrhundert – Bilder von Großfamilien, Bauernhöfen, Pferdekutschen, Männern mit Hüten und Frauen mit Kleidern: die Geschichte ihres Lebens.

Drei Kinder hat sie geboren. Der Jüngste starb nach einem halben Jahr. Das zweite, ein Mädchen, hat mit drei Jahren einen Unfall und bleibt für den Rest ihres Lebens geistig und körperlich behindert. Sie lebt bei der Mutter, bis sie schließlich ihre letzten Jahre im Wachkoma verbringt. Mit fünfzig Jahren stirbt sie, ihre Mutter immer noch an ihrer Seite. Aber alleine. Denn als ihre mittlere Tochter zehn Jahre alt ist, verlässt ihr Mann sie, um eine andere Frau zu heiraten. Eine Frau, die sie in ihrer treuen Gastfreundschaft zu oft bei sich hatten... Jetzt hat ihr einzig verbleibendes Kind Krebs. Einen, den man nicht operieren kann.

Sie hat sich in ihrem Leben geschworen niemals zu hassen, sagt sie. Dann erzählt sie davon, wie sie im Winter als Kind Rüben putzen mussten, während die anderen Kinder auf den Fischteichen Schlittschuhlaufen gingen. Sie erzählt von ihrer Lieblingskuh, von den Gänseküken, die sie großgezogen hat. Und von Beerdigungen. Jedes Mal, wenn sie eines ihrer Kinder begraben hätten, wäre ein Teil von ihr mit in die Erde geworfen worden, sagt sie. Wann wird sie ihre letzte Tochter begraben, nachdem die Chemotherapie deren Körper inzwischen beinahe völlig zerstört hat? Und dann erzählt sie von den grausamen Geschichten in der Bibel, im Alten Testament, im Richterbuch, zum Beispiel. All das Morden, das Gott zulässt oder gar befiehlt, die vielen Vergewaltigungen, die Gott nicht verhindert. Und sie versteht das alles nicht. Manchmal sei ihr die Bibel so fremd und sie findet gar keine Ermutigung darin. Aber sie lacht. Trotzdem. Immer noch.

Und ich sitze ihr gegenüber und frage mich, was ein so kleines Herz alles ertragen muss, ertragen kann. Wie viel Leid kann ein Herz ertragen, bevor es zerbricht? Wie oft wurde ihr Herz gebrochen? Aber sie erzählt davon, dass das Leben damals eben so war, dass man auf dem Hof schon als Kind viel arbeiten musste. Und ich spüre Resignation, wenn sie den Blick senkt und wir schweigen. Was sollen wir sagen? Das Leben ist so. So hart, so grausam, so unbarmherzig viel zu viel schwer manchmal. Bisher kann ich von Glück reden, aber wie viel Leid wird mich noch erwarten? Ich höre auch den Schmerz, die Trauer, die immer noch da ist – als sie ihr Hochzeitsfoto von der Wand nimmt und in unsere Hände legt. Das Bild von dem Mann, der sie einfach verlassen und in diesem harten Leben allein gelassen hat. Ihr Foto hängt immer noch an ihrer Wand. Als sie dann von ihren leidenden Kindern erzählt. Als sie uns das vergilbte Foto reicht von ihrem Säugling, der die Intensivstation im Krankenhaus nie verlassen hat, bis er mit sechs Monaten schließlich starb. Ich spüre den Schmerz über die offenen Fragen, den unverständlichen Gott, der so fremd scheint, wenn sie manchmal die Bibel liest.

Aber was ich nicht höre ist Bitterkeit. Und ich sehe keine Verzweiflung. Ich warte darauf, ich versuche es zwischen den Zeilen zu erspüren. Aber ich kann sie nicht finden. Stattdessen spricht sie von ihrem „lieben Gott“ wie ein kleines Kind. Manchmal lacht sie sogar. Sie fragt viel nach unserem Leben, will Anteil nehmen. Sie freut sich über das Gute. Wie kann sie das – immer noch?, frage ich mich. Verblasst das Gute nicht angesichts von so viel Leid?

Neben ihr liegt ein uraltes Liederbuch mit Texten über ein Leben mit Gott. Sie liebt diese Lieder, auch wenn keines ihren Schmerz beschreiben kann. Und sie vertraut dem lieben Gott. Einfach so. Und sie erzählt, wie der liebe Gott ihr immer wieder liebe Menschen geschickt hätte. Wie viele Gebete hat er nicht erhört? Und sie hält immer noch an ihm fest? Noch mehr, sie findet Frieden in ihm. Mitten im Leid. Einen mir völlig unverständlichen Frieden. Viel zu naiv, möchte ich fast sagen. So billig, denke ich fast. So kostbar, so wertvoll, denke ich dann. Wie dieser kindliche Glaube sie vor dem Zerbrechen, vor der Verbitterung, vor der Verzweiflung bewahren kann. Wenn unser Glaube *NUR DAS* kann, dann kann er das Wichtigste. Dann kann er ALLES! Dann kann er, was nichts sonst in der Welt kann. Dann ist schon das etwas Übernatürliches, ein Wunder.

Und ich denke an die jungen Männer aus Afghanistan, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Ihre Geschichten waren ähnlich schlimm. Aber sie sind daran zerbrochen. Sie sind in die Sucht geflohen, haben sich in die Aggression auf diese Welt und in dieses Leben verrannt, in die Wut auf Gott. Die Verzweiflung ließ sie sich Arme und Beine blutig schlitzen. Ich habe sie zusammenbrechen und vor Schmerz und Verzweiflung schreien sehen, bis die Polizei sie abführen musste. Sie haben über ihren Schmerz den Verstand verloren. Aber diese Frau hier hat das überlebt. Sie hat das Leben, das echte, bittere, grausame, schwere Leben überlebt – ohne daran kaputt zu gehen. Weil sie ständig an ihrem „lieben Gott“ festhält, weil sie eine Bibel liest, von der sie nur wenig versteht und weil sie weiterbetet, auch wenn nur so wenig erhört wurde. Da ist viel Schmerz, ja. Aber da ist auch ein merkwürdiger Friede, ein merkwürdiges Heile-sein, irgendein weltfremder Schutz, eine Leichtigkeit in der erdrückenden Schwere. Ruhe mitten im Sturm. Immer noch ein Lachen. Und ich bewundere diese Frau. Weil sie mehr hat, als ich, die ich so oft frage, Gott Vorwürfe mache, das Leben verfluche, an der Trauer verzweifle und die Bibel so viel mehr verstehe als sie. Aber so einfach in dem „lieben Gott“ immer wieder Trost zu finden? So einfach…? So einfach…

Schließlich bittet sie uns, ihr Psalm 62,6-9 vorzulesen. Wir lesen, aus ihrer alten abgegriffenen Bibel:

„Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde. Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.“

Meine Seele, sei still. Schütte dein Herz vor Gott aus. Und dann werde wieder still. Zuversicht. Mein Gott, meine Stärke…

Sie erzählt, für wie viele Menschen sie Essen gekocht hat, wie sie auf dem Feld das Getreide gemäht und später ihre behinderte Tochter jeden Tag im Koma besucht hat. Ohne Bitterkeit. Ist das ein lebenswertes Leben? Hatte ihr Leben einen Sinn? Bei so viel Sisyphusarbeit, so viel Alltäglichem, Belanglosen? Sie konnte sich nicht selbstverwirklichen. Sie hatte nicht einmal ein Hobby. Ein bitteres Ende einer einfachen Arbeiterehe. Da ist so viel Einsamkeit gewesen und immer noch da. Sie hat nicht die Welt verändert. Hat sie irgendeinen bleibenden Beitrag geleistet? Wer wird sich an sie erinnern?

Sie hat nur eines getan, eines erlebt, eines gehabt: einen kindlichen Glauben an eine viel zu großen, den Verstand übersteigenden Gott, der immer da ist und tröstet. Immer wieder hat sie ihr Herz vor Gott ausgeschüttet und dann ihre Seele vor Gott still werden lassen. Ist Stille Frieden im Leid? Ich weiß es nicht. Ich glaube, das heißt es, getröstet zu sein. Und ich begreife: Es ist das Beste, was wir in diesem Leben tun können, vielleicht das einzig Wichtige. Vielleicht sogar das Herausragende, wirklich Besondere. Vielleicht ist das wahre Leistung, die größte Heldentat, wahres Leben, wahres erfülltes Leben, wahrer Sinn. Ich glaube es. Weil sie immer noch lachen kann, weil sie trotzdem gut leben kann. Weil sie das wirklich Wichtige hat:

Einen unerschütterlichen kindlichen Glauben an einen lieben Gott. Ein schlichtes sich-Wenden an Gott, das etwas wirklich Großes bewirkt: weiterleben zu können ohne Bitterkeit und Verzweiflung.

Das ist wahrer Reichtum, denke ich. Das ist wahrer Erfolg, glaube ich. Das ist unsere einzige Aufgabe, finde ich. Nur das brauch ich, weiß ich. Das muss ich, erinnere ich mich.

Und ich hänge mir diese Wahrheit an meine Wand:

„Wenn dein Herz wandert oder leidet,
bring es behutsam an seinen Platz zurück
und versetze es sanft in die Gegenwart deines Herrn.
Und selbst, wenn du in deinem Leben nichts getan hast
außer dein Herz zurückzubringen und wieder
in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen,
obwohl es jedesmal wieder fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest,
dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“

(Franz von Sales)

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